Wladimir I. Lenin: Die Tagung des Internationalen Sozialistischen Büros [„Proletarij" Nr. 37 29. (16.) Oktober 1908 Gez.: N. Lenin. Nach Sämtliche Werke, Band 12, Wien-Berlin 1933, S. 426-442] Sonntag, den 11. Oktober neuen Stils, fand in Brüssel die erste Tagung des Internationalen Sozialistischen Büros nach dem Stuttgarter Kongress statt. Die Tagung der Vertreter verschiedener sozialistischer Parteien wurde als geeigneter Zeitpunkt für die Konferenzen sozialistischer Journalisten und Parlamentarier gewählt. Die erste Konferenz fand am Vorabend der Bürositzung statt, die zweite am Tage nach der Sitzung, wobei zu bemerken ist, dass die beiden Konferenzen sich ihrer Zusammensetzung nach von dem Büro fast gar nicht unterschieden: die Mitglieder des Büros waren in ihrer Mehrzahl gleichzeitig Journalisten und Parlamentarier. Nur einige belgische sozialistische Abgeordnete kamen am Montag, den 12. Oktober, zur Konferenz hinzu. Die Journalistenkonferenz fand Sonnabend um 3 Uhr nachmittags statt. Es wurde die Frage der Regelung und des Ausbaus der Beziehungen zwischen den periodischen Organen der verschiedenen sozialistischen Parteien erörtert. Die Belgier arbeiteten eine Liste von Korrespondenten aus den Reihen ihrer Parteimitglieder aus, die bereit sind, an Organe anderer Parteien Informationen über die einen oder anderen (im Vordergrund stehenden) Fragen zu geben. Es wurde der Wunsch ausgesprochen, dass auch andere Parteien solche Listen aufstellen möchten, wobei auch auf die Notwendigkeit hingewiesen wurde anzugeben, welche Sprache der Korrespondent beherrscht. Die Auslandsbulletins der Partei der Sozialrevolutionäre („Russische Tribüne" – in französischer Sprache) und der Sozialdemokratie (in deutscher Sprache) wurden als besonders nützlich für unsere ausländischen Genossen bezeichnet. Es wurde auch darauf verwiesen, dass für diejenigen Länder, wo es verschiedene sozialistische Parteien oder innerhalb einer Partei verschiedene Richtungen gibt, in den Korrespondentenlisten die Zugehörigkeit der Korrespondenten zu der einen oder anderen Partei usw. vermerkt werden soll. Die im Ausland lebenden russischen Sozialdemokraten sollten diese internationale Konferenz benutzen, um das Korrespondenzwesen für die ausländischen sozialistischen Organe besser zu organisieren. Die Konferenz fasste den Beschluss, das Internationale Sozialistische Büro habe sich mit denjenigen Nationen, wo es keine sozialistische Tagespresse gibt, über die Frage der Herausgabe regelmäßig erscheinender Bulletins (in einer der drei offiziellen Sprachen der Internationale oder in allen drei Sprachen – französisch, deutsch, englisch) in Verbindung zu setzen. Sodann soll das Büro an die Redaktionen der sozialistischen Tageblätter der verschiedenen Länder die Anfrage richten, welche Summe sie für die regelmäßige Zusendung dieser Bulletins zu entrichten bereit wären. Dieser Beschluss verdient besondere Beachtung seitens des Auslandsbüros des ZK unserer Partei.1 Die Information unserer ausländischen Genossen über die russische Sozialdemokratie ist bei weitem nicht befriedigend organisiert, und die Frage der Regelung dieser Angelegenheit, der Herausgabe eines Parteibulletins in drei Sprachen im Auslande, müsste unverzüglich ernstlich erwogen und alles, was möglich ist, für die praktische Verwirklichung dieses Planes getan werden. Ferner wurde der Vorschlag des Bürosekretärs C. Huysmans erörtert, die deutsche Sozialdemokratie, die über 70 Partei-Tageszeitungen verfügt, sollte die Initiative ergreifen zur Schaffung eines internationalen Büros für Telegraphen- und Telefonverbindung zwischen den Redaktionen sozialistischer Zeitungen in Berlin, Wien, Paris, Brüssel usw. Die deutschen Vertreter erklärten die unverzügliche Verwirklichung dieses Planes für unmöglich, wiesen aber darauf hin, dass in Deutschland vor kurzem ein zentrales Informationsbüro der deutschen Sozialdemokratie geschaffen worden sei, und dass man mit der Zeit, wenn dieses Unternehmen gefestigt ist, daran denken könne, es in ein internationales zu verwandeln. Die Konferenz begnügte sich mit diesem Versprechen, und die Sitzung wurde geschlossen, nachdem der Beschluss gefasst worden war, die Tagungen des Internationalen Sozialistischen Büros auch künftighin mit sozialistischen Journalistenkonferenzen zu verbinden. Am Abend fand im „Maison du Peuple"2 ein internationales Meeting statt, auf dem österreichische, deutsche, englische Delegierte sowie ein türkischer und ein bulgarischer Delegierter sprachen – hauptsächlich über internationale Konflikte und den Kampf des sozialistischen Proletariats aller Länder für die Erhaltung des Friedens. Das Meeting schloss mit der einmütigen Annahme folgender Resolution: „Die am 10. Oktober im ,Maison du Peuple' vereinigte Versammlung bestätigt aufs Neue den energischen Willen des Weltproletariats, den Frieden unter den Nationen zu erhalten und den die Völker bedrückenden kapitalistischen Militarismus mit äußerster Energie zu bekämpfen, und vertraut den verschiedenen Sektionen der Arbeiter-Internationale, dass sie die Stuttgarter Beschlüsse ausführen werden."3 Die Versammlung schloss mit dem Absingen der Internationale. Der ganze darauffolgende Tag war mit der Sitzung des Internationalen Sozialistischen Büros ausgefüllt. Die erste Frage der Tagesordnung, die Frage der Aufnahme der englischen „Labour Party", nahm die ganze Vormittagssitzung in Anspruch. Nach den Statuten der Internationale können ihr nämlich als Mitglieder angehören: erstens, den Klassenkampf anerkennende sozialistische Parteien, zweitens, auf dem Boden des Klassenkampfes stehende Arbeiterorganisationen (das heißt Gewerkschaften). Die im englischen Unterhaus vor kurzem ins Leben gerufene „Arbeiterpartei" nennt sich nicht offen sozialistisch und erkennt nicht klar und bestimmt das Prinzip des Klassenkampfes an (was von ihr, nebenbei bemerkt, die englischen Sozialdemokraten fordern). Trotzdem wurde aber selbstverständlich diese Arbeiterpartei zur Internationale überhaupt und zum Stuttgarter Kongress im besonderen zugelassen, da diese Partei im Grunde genommen eine Organisation von gemischtem Typus ist und eine Zwischenstellung zwischen den im ersten und zweiten Paragraph des Statuts der Internationale genannten Organisationstypen einnimmt – sie ist die politische Vertretung der englischen Trade Unions. Nichtsdestoweniger wurde die Frage ihrer Aufnahme aufgeworfen, und zwar von ihr selbst in Gestalt der „Unabhängigen Arbeiterpartei" (Independent Labour Party, Ai-El-Pi,4 wie die Engländer sagen), einer von den zwei Untersektionen der britischen Sektion der Internationale. Die andere Untersektion ist die „Sozialdemokratische Föderation". Die „Unabhängige Arbeiterpartei" forderte die vorbehaltlose Anerkennung der Zugehörigkeit der „Arbeiterpartei" zur Internationale. Ihr Delegierter, Bruce Glasier, unterstrich die gewaltige Bedeutung dieser parlamentarischen Vertretung vieler Hunderttausender organisierter Arbeiter, die immer bestimmter den Weg zum Sozialismus beschreiten. Über Prinzipien, Formeln, Glaubensbekenntnisse äußerte er sich sehr geringschätzig. In seiner Erwiderung wandte sich Kautsky gegen diese Geringschätzung der Prinzipien und Endziele des Sozialismus, trat aber voll und ganz für die Aufnahme der „Labour Party", als einer den Klassenkampf betätigenden Partei, ein. Er legte folgende Resolution vor: „Im Hinblick auf die bisherigen Beschlüsse der internationalen Kongresse, die alle Organisationen zulassen, welche auf dem Boden des proletarischen Klassenkampfes stehen und den politischen Kampf anerkennen, erklärt das Internationale Büro: Die englische Labour Party ist zu den internationalen sozialistischen Kongressen zuzulassen, weil sie, ohne ausdrücklich den proletarischen Klassenkampf anzuerkennen, ihn doch tatsächlich führt und sich durch ihre Organisation selbst, die unabhängig von den bürgerlichen Parteien ist, auf seinen Boden stellt". Auf Seiten Kautskys standen die Österreicher, von den Franzosen Vaillant und, wie die Abstimmung zeigte, die Mehrzahl der kleinen Nationen. Ihm opponierten vor allem Hyndman, der Vertreter der englischen „Sozialdemokratischen Föderation", der den früheren Zustand aufrechterhalten wissen wollte bis zur offenen Anerkennung des Klassenkampfes und des Sozialismus durch die „Labour Party" – weiter Roussel (eine Guesdistin, die zweite französische Delegierte), Rubanowitsch von der Partei der Sozialrevolutionäre und Awramow, der Delegierte der revolutionären Fraktion der bulgarischen Sozialisten. Ich nahm das Wort, um mich dem ersten Teil der Kautskyschen Resolution anzuschließen. Man könne unmöglich die Aufnahme der „Labour Party" – das heißt der parlamentarischen Vertretung der Trade Unions – ablehnen, da ja die Kongresse schon früher alle Trade Unions, auch solche, die bürgerliche Parlamentarier mit ihrer Vertretung betrauten, zugelassen haben. Aber – sagte ich – der zweite Teil der Kautskyschen Resolution ist falsch, da die „Labour Party" in Wirklichkeit nicht wirklich unabhängig von den Liberalen ist und keine ganz selbständige Klassenpolitik verfolgt. Ich stellte deshalb den Antrag, den Schluss der Resolution nach den Worten „weil sie…" folgendermaßen zu ändern: „Weil sie (die Labour Party) den ersten Schritt der wahrhaft proletarischen Organisationen Englands zur klassenbewussten Politik und zur sozialistischen Arbeiterpartei darstellt". Diesen Abänderungsantrag legte ich dem Büro vor. Kautsky lehnte ihn ab mit der in seiner zweiten Rede vorgetragenen Begründung, dass das Internationale Büro auf Grund von „Erwartungen" keine Beschlüsse fassen könne. Der Hauptkampf spielte sich indessen zwischen den Anhängern und Gegnern, der Gesamtresolution Kautskys ab. Bei der Abstimmung machte Adler den Vorschlag, sie in zwei Teile zu zerlegen; beide Teile wurden vom Internationalen Büro angenommen, der erste gegen drei Stimmen, bei einer Stimmenthaltung, der zweite gegen vier Stimmen, bei einer Stimmenthaltung. Kautskys Resolution wurde somit zum Beschluss des Büros erhoben. Der Stimme enthielt sich bei beiden Abstimmungen Rubanowitsch. Ich möchte noch erwähnen, dass Viktor Adler, der nach mir, aber vor der zweiten Rede Kautskys sprach, mir folgendermaßen antwortete (ich zitiere nach dem belgischen sozialistischen Organ „Le Peuple", das die ausführlichsten und genauesten Berichte über die Sitzung brachte): „Lenins Vorschlag ist anziehend (séduisant, Adler sagte: verlockend), er kann uns aber die Tatsache nicht vergessen lassen, dass die Labour Party sich außerhalb der bürgerlichen Parteien gestellt hat. Das Urteil darüber, wie sie es getan hat, steht uns nicht zu. Anerkennen wir die Tatsache des Fortschritts". Das war der Verlauf der Diskussion über die erwähnte Frage im Internationalen Büro. Ich erlaube mir jetzt, auf diese Diskussion ausführlicher einzugehen, um den Lesern des „Proletarij" meine Stellungnahme zu erklären. Kautskys und Adlers Argumente haben mich nicht überzeugt, und ich halte sie nach wie vor für falsch. Indem er in seiner Resolution erklärt, dass die Labour Party den proletarischen Klassenkampf „nicht ausdrücklich anerkennt", hat auch Kautsky zweifellos eine gewisse „Erwartung" ausgesprochen, ein gewisses „Urteil" darüber abgegeben, welcher Art die Politik der Labour Party heute ist und wie sie sein sollte. Kautsky sagt das aber indirekt, und zwar noch, dazu in einer Art und Weise, dass dabei eine Behauptung herauskam, die erstens an und für sich unrichtig ist und zweitens Anlass zu falschen Auslegungen des Gedankens Kautskys gibt. Dass die englische Labour Party, indem sie im Parlament (nicht bei den Wahlen! nicht in ihrer ganzen Politik! nicht in ihrer Propaganda und Agitation!) sich von den bürgerlichen Parteien absondert, den ersten Schritt zum Sozialismus und zur Klassenpolitik proletarischer Massenorganisationen tut – das ist unbestreitbar. Dies ist keine „Erwartung", sondern eine Tatsache. Es ist die Tatsache, die uns veranlasst, die Labour Party in die Internationale aufzunehmen, da wir schon die Trade Unions aufgenommen haben. Eine derartige Formulierung würde aber gerade Hunderttausende englischer Arbeiter, die die Beschlüsse der Internationale unbedingt achten, aber noch nicht ganz Sozialisten geworden sind, zum Nachdenken darüber bewegen, warum man nur anerkennt, dass sie den ersten Schritt getan haben und welcher Art die weiteren Schritte auf diesem Wege sein müssten. In meiner Formulierung fehlt selbst der Schatten einer Anmaßung seitens der Internationale, über konkrete Einzelfragen einer nationalen Arbeiterbewegung zu entscheiden, zu bestimmen, wann und welche weiteren Schritte getan werden müssen. Dass aber weitere Schritte überhaupt notwendig sind, das muss in Bezug auf eine Partei, die das Prinzip des Klassenkampfes nicht deutlich und klar anerkennt, unbedingt gesagt werden. Statt es direkt zu sagen, sagt es Kautsky in seiner Resolution indirekt. So bekam seine Resolution den Anschein einer Bürgschaft der Internationale dafür, dass die Labour Party tatsächlich einen konsequenten Klassenkampf führt, als ob es für eine Arbeiterorganisation schon genügte, sich im Parlament zu einer besonderen Arbeiterfraktion zusammenzuschließen, um in ihrer ganzen Haltung von der Bourgeoisie unabhängig zu werden! Zweifellos haben Hyndman, Roussel, Rubanowitsch und Awramow eine noch unrichtigere Ansicht in dieser Frage vertreten (die Rubanowitsch durch seine Stimmenthaltung bei beiden Abstimmungen, statt zu korrigieren, nur verwirrte). Als Awramow erklärte, dass die Aufnahme der Labour Party eine Ermutigung des Opportunismus bedeute, behauptete er damit eine schreiende Unwahrheit. Es sei nur an die Briefe Engels' an Sorge erinnert. Im Laufe vieler Jahre vertrat Engels konsequent die Meinung, dass die englischen Sozialdemokraten mit Hyndman an der Spitze, die es nicht verstehen, Anschluss zu finden an den zwar unbewussten, aber trotzdem mächtigen Klasseninstinkt der Trade-Union-Bewegung, falsch und sektiererisch handeln und den Marxismus zu einem „Dogma" erheben, während er doch in Wirklichkeit eine „Anleitung zum Handeln" darstellt. Existieren objektive, das Wachstum des Klassenbewusstseins und der politischen Selbständigkeit der proletarischen Massen hemmende Bedingungen, so muss man es verstehen, geduldig, beharrlich Hand in Hand mit ihnen zusammenzuarbeiten, ohne in prinzipiellen Fragen nachzugeben, aber auch ohne auf die Arbeit in der Tiefe der proletarischen Massen zu verzichten. Diese Lehren Engels' sind durch die spätere Entwicklung der Ereignisse bestätigt worden, als die in sich abgeschlossenen, aristokratischen, spießbürgerlich-egoistischen, sozialistenfeindlichen Trade Unions – die eine ganze Reihe von der Bourgeoisie durch warme Ministerpöstchen gekaufter offener Verräter an der Arbeiterklasse hervorgebracht haben (zum Beispiel den schuftigen John Burns) – sich dem Sozialismus zwar in ungelenker Weise, inkonsequent, auf Umwegen näherten, sich ihm aber doch näherten. Nur Blinde können die Tatsache nicht sehen, dass in England der Sozialismus in der Arbeiterklasse in raschem Fortschritt begriffen ist, dass er in diesem Lande wieder zu einer Massenbewegung wird, dass die soziale Revolution in Großbritannien herannaht. Die Internationale würde durchaus falsch handeln, wenn sie nicht offen und ehrlich ihre vollste Sympathie für diesen gewaltigen Fortschritt in der proletarischen Massenbewegung Englands ausspräche, wenn sie ihre Ermunterung der in der Wiege des Kapitalismus selbst beginnenden großen Wendung versagte. Daraus folgt aber nicht im Geringsten, dass man die Labour Party schon jetzt als eine von der Bourgeoisie tatsächlich unabhängige, den Klassenkampf führende, sozialistische usw. Partei bezeichnen könne. Notwendig war es, einen zweifellosen Fehler der englischen „Sozialdemokratischen Föderation" gutzumachen, aber unnötig war es, auch nur den Schatten einer Ermunterung für andere, unzweifelhaft nicht minder wichtige Fehler der englischen Opportunisten, die an der Spitze der sogenannten „Unabhängigen Arbeiterpartei" stehen, zuteil werden zu lassen. Dass diese Führer Opportunisten sind, ist unbestreitbar. R. MacDonald, der Führer der ILP (Ai-El-Pi) machte sogar in Stuttgart den Vorschlag, den zweiten Paragraphen des Statuts der Internationale in der Weise zu ändern, dass bei der Aufnahme von Arbeiterverbänden in die Internationale statt der Anerkennung des Klassenkampfes nur ihr guter Glaube (bona fides) erforderlich sei. Auch Kautsky selbst fing sofort in der Rede Bruce Glasiers die opportunistischen Töne auf und zog einen Trennungsstrich ihnen gegenüber – in seiner Rede vor dem Büro, leider aber nicht in seiner Resolution. Die Rede im Büro wurde für ein Dutzend Menschen gehalten, die Resolution aber für Millionen Menschen geschrieben. Vor mir liegen die Zeitungen beider Richtungen des englischen Sozialismus, mit Äußerungen über die Tagung des Internationalen Büros. Das Organ der „Unabhängigen (hm! hm!) Arbeiterpartei" „Labour Leader" jubelt und behauptet direkt gegenüber Zehntausenden englischer Arbeiter, dass das Internationale Sozialistische Büro nicht nur die Labour Party anerkannt hat (was richtig ist und getan werden musste), sondern dass es auch die „Politik der ILP anerkannt" habe („Labour Leader", Oct. 16, 1908, p. 665). Das ist nicht wahr. Das Büro hat diese nicht anerkannt. Das ist eine ungerechtfertigte, opportunistische Auslegung einer kleinen Ungeschicklichkeit in Kautskys Resolution. Diese kleine Ungeschicklichkeit beginnt recht große Früchte zu tragen. Dabei sind noch schlechte Übersetzungen behilflich: nicht umsonst sagen die Italiener, dass Übersetzer Verräter sind (traduttori – traditori). Die offizielle Übersetzung der Büroresolutionen in die drei offiziellen Sprachen ist noch nicht erschienen, und man weiß noch nicht, wann sie erscheinen wird. Bei Kautsky heißt es am Schlüsse der Resolution, dass die Labour Party „sich … auf seinen (des Klassenkampfs) Boden stellt", in der Übersetzung der englischen Sozialdemokraten kam folgendes heraus: „sich auf den Boden des internationalen Sozialismus stellt"; –in der Übersetzung der englischen Opportunisten (ILP): „sich die Position des internationalen Sozialismus zu eigen macht" (ebenda). Versucht nun mal, solche „kleinen Fehler" in der Agitation unter den englischen Arbeitern zu berichtigen. Ich bin weit davon entfernt, Bruce Glasier einer Entstellung der Resolution anzuklagen. Ich bin überzeugt, dass ihm diese Absicht fern lag. Das ist aber auch nicht gar so wichtig. Wichtig ist der Missbrauch des Geistes des zweiten Teiles der Kautskyschen Resolution in der praktischen Massenarbeit. Auf der gleichen Seite des „Labour Leader" beklagt sich ein anderes Mitglied der „Unabhängigen Arbeiterpartei", indem es seine Eindrücke von der Tagung des Büros und des Meetings in Brüssel schildert, über die „fast gänzlich fehlende Unterstreichung der idealen und ethischen Seite des Sozialismus" – die bei uns, meinte er, auf den Meetings der ILP stets hervorgehoben werde – während „statt dessen" (in its stead) das „seelen- und geistlose" (barren and uninspiring) „Dogma des Klassenkampfes"in den Vordergrund getreten sei. Als Kautsky seine Resolution über die Engländer verfasste, schwebte ihm nicht ein englischer „Unabhängiger", sondern ein deutscher Sozialdemokrat vor … Im Organ der englischen Sozialdemokraten „Justice" führt Hyndman bittere Klage über die Mehrheit des Büros, die „Prinzipien zur Bequemlichkeit politischer Wetterfahnen über Bord geworfen" habe. Ich bezweifle nicht im Geringsten – schreibt Hyndman – dass, wenn das Büro die Labour Party direkt vor ein Ultimatum gestellt hätte, sie sich unverzüglich unterworfen und „beschlossen hätte, sich der Richtung des internationalen Sozialismus anzupassen". Und in einem anderen Artikel derselben Nummer werden Tatsachen angeführt, die den Beweis dafür liefern, dass die „Unabhängige Arbeiterpartei" tatsächlich einen Teil ihrer Abgeordneten im Zeichen eines konfusionistischen „Liberal-Labour-Bündnisses" (liberal-labour alliance) durchbrachte und dass einige der „Unabhängigen" vom liberalen Minister John Burns unterstützt wurden („Justice", October 17, 1908, p. 4 and 7). Nein, sollte Hyndman sein angekündigtes Vorhaben wahrmachen, d. h. die Frage erneut auf dem Internationalen Sozialistenkongress in Kopenhagen (im Jahre 1910) zur Sprache bringen, so muss die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands die Verbesserung der Kautskyschen Resolution anstreben. ★ Den zweiten Punkt der Tagesordnung bildete die Frage der gemeinsamen Aktion des Proletariats und der Sozialisten aller Länder gegen die internationalen und kolonialen Zusammenstöße, die von der Politik der bürgerlichen Regierungen heraufbeschworen werden. Vaillant legte eine Resolution vor, die mit ganz geringen Abänderungen angenommen wurde. In der Diskussion beriefen sich die österreichischen Delegierten darauf, dass ihre Partei in den Delegationen5 offiziell gegen die Politik Franz Josephs auftritt und die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes aller Nationen durch die Sozialisten bekräftigt. Doch indem wir gegen die Politik Franz Josephs auftreten – sagten die Österreicher –, sind wir zugleich auch gegen die Politik Abdul Hamids oder Eduards VII. Unsere Aufgabe ist es, der Regierung die Verantwortlichkeit für die Folgen ihrer Taten aufzuerlegen. Die Engländer wünschten bestimmtere Erklärungen der österreichischen Sozialdemokraten gegen ihre Regierung, aber diese gingen über das Gesagte nicht hinaus. Awramow, Vertreter der bulgarischen Sozialisten (der „engherzigen", d. h. der revolutionären Sozialdemokraten – es gibt in Bulgarien auch noch „weitherzige", d. h. opportunistische Sozialdemokraten), bestand auf Erwähnung der imperialistischen Bourgeoisie der Balkanstaaten selber, doch wurde der diesbezügliche Abänderungsantrag abgelehnt. In der Frage der Proklamierung der bulgarischen Unabhängigkeit – sagte Awramow – seien die bulgarischen Sozialisten entschieden gegen die bürgerlichen Parteien aufgetreten, da sie diese Proklamierung vom Standpunkt der Arbeiterklasse als schädliches Abenteuer betrachten. Bruce Glasier schlug vor, in die Resolution einen Hinweis auf die Notwendigkeit der Organisierung internationaler Demonstrationen einzufügen, aber es wurde beschlossen, diesen Wunsch den einzelnen nationalen Parteien durch Vermittlung des Büros mitzuteilen. Van Kol (Delegierter der holländischen Sozialdemokraten) beantragte, in die Resolution einen Protest gegen die Verletzung des Berliner Traktats durch die Mächte aufzunehmen, zog aber diesen Antrag vor der Abstimmung zurück: es wurde darauf verwiesen, es sei nicht Sache der Sozialisten, speziell Traktate bürgerlicher Staaten zu verteidigen. Der Text der vom Internationalen Büro gefassten Resolution lautet: „Wir stellen fest, dass: die englischen und deutschen Sozialisten durch ihre Solidaritätserklärungen für den Frieden, die französischen Sozialisten durch ihre Agitation gegen die marokkanische Expedition, die dänischen Sozialisten durch ihren Gesetzentwurf über die Abrüstung vollkommen im Sinne des Auftrages der Internationale gehandelt haben. Wir müssen aber trotzdem darauf hinweisen, dass die Gefährdung des Friedens fortbesteht, der imperialistische Kapitalismus in England und in Deutschland6 weiter intrigiert, die marokkanische Expedition und die damit verbundene Börsenspekulation fortgesetzt werden; dass der Zarismus, der vor allem neue Anleihen erlangen möchte, die Lage zu komplizieren sucht, um seine Position im Kampfe gegen die russische Revolution zu festigen7, dass im Balkan die Einmischung und die Aspirationen des Auslandes mehr als jemals und nur im Interesse des letzteren die nationalen und religiösen Leidenschaften aufwühlen; dass in den letzten Tagen durch die Unabhängigkeitserklärung Bulgariens und insbesondere die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich die Gefahr einer Störung des Friedens verschärft und nähergerückt ist; dass endlich überall die Komplotte der Regierungen, das Übermaß der Rüstungen und des Militarismus, ebenso wie die kapitalistische Konkurrenz und die koloniale Räuberei den Frieden bedrohen. Demgegenüber erklärt das Internationale Sozialistische Büro von neuem, dass die sozialistische Partei und das organisierte Proletariat die einzige Macht bilden, die wirksam für die Erhaltung des Friedens eintritt, und dass sie es für ihre Pflicht halten, den Frieden zu sichern. Das Internationale Sozialistische Büro fordert die sozialistischen Parteien aller Länder auf, zur ausreichenden Anwendung der Resolution des Stuttgarter Kongresses ihre Wachsamkeit, ihren Eifer, ihre Anstrengungen aufs Äußerste anzuspannen, und es fordert ihre Parteileitungen, ihre Parlamentsfraktionen und Delegationen auf, mit dem Sekretariat des Internationalen Sozialistischen Büros die nationalen und internationalen8 Mittel und praktischen Maßregeln zu suchen, die je nach den jeweiligen besonderen Umständen am geeignetsten wären, den Frieden zu sichern". ★ Den dritten Punkt der Tagesordnung bildete der Vorschlag der britischen Sektion, das Internationale Sozialistische Büro regelmäßig zweimal im Jahr einzuberufen. Eine bindende Resolution wurde in dieser Frage nicht gefasst. Es wurde vielmehr nur ein Wunsch in diesem Sinne ausgesprochen. Augenscheinlich hält die überwiegende Mehrheit es nicht für notwendig, Tagungen öfter als einmal im Jahre stattfinden zu lassen (wie es bisher der Fall war) – natürlich mit Ausnahme außerordentlicher Fälle. Als vierter Punkt der Tagesordnung stand der Antrag des Büros zur Erörterung, die Höhe der Beiträge der einzelnen Parteien für den Unterhalt des Büros zu ändern. Bisher beliefen sich die nominellen Einnahmen des Büros auf 14.950 Franken jährlich; es wurde beantragt, diese Summe auf 26.800 Franken zu erhöhen, oder, die üblichen Rückstände abgerechnet, auf rund 20.000 Franken. Dazu müsste jede Partei jährlich 100 Franken für jede ihr auf internationalen sozialistischen Kongressen gewährte Stimme einzahlen. Russland hat 20 Stimmen und wird daher 2000 Franken zu zahlen haben, davon entfallen 700 Franken auf die Partei der Sozialrevolutionäre, 1000 Franken auf die Sozialdemokratie und 300 auf die Gewerkschaften. Bisher zahlte Russland jährlich 1500 Franken, davon entfielen auf uns 900 Franken (laut Vereinbarung mit der Partei der Sozialrevolutionäre). In dieser Frage wurde ebenfalls kein bindender Beschluss gefasst. Das Büro wurde beauftragt, sich mit den nationalen Parteien in Verbindung zu setzen, und es wurde der Wunsch ausgedrückt, die Beiträge sollten sich auf 100 Franken pro Stimme belaufen. Der fünfte Punkt betraf die Änderung der Stimmenzahl für Schweden – es wurde Erhöhung auf zwölf Stimmen beschlossen – und für Ungarn: eine allgemeine Erhöhung wurde verschoben, jedoch wurden zwei Stimmen für Kroatien zugesprochen. Ferner wurde die armenische Untersektion der türkischen Sektion zugelassen, noch ehe sich diese türkische Sektion gebildet hat – die armenischen Sozialisten in der Türkei wollen nicht auf die Türken „warten" –, und zwar wurden dieser Untersektion vier Stimmen gegeben. Es wäre zu wünschen, dass unsere armenischen sozialdemokratischen Genossen, denen die Lage des armenischen Sozialismus in der Türkei bekannt ist, sich zu dieser Frage äußern. Der sechste Punkt der Tagesordnung betraf die Aufnahme der sozialdemokratischen Partei von Chile. Diese Partei bildete sich nach der Spaltung der demokratischen Partei in Chile. Die chilenischen Sozialdemokraten wurden ebenfalls ohne Debatte aufgenommen. Der siebente Punkt der Tagesordnung war die Frage der russischen sozialistischen Zionisten. Bekanntlich wandten sich diese vor dem Stuttgarter Kongress an das Zentralkomitee unserer Partei mit dem Vorschlag, sie in die sozialdemokratische Untersektion der russischen Sektion der Internationale aufzunehmen. Unser Zentralkomitee lehnte ihre Aufnahme ab und begründete das in einer Resolution, die sich gegen die Zulassung von sozialdemokratischen Zionisten in die Reihen der Sozialdemokratie aussprach, auch wenn sie sich „sozialistische Zionisten" nennen. Der Vertreter der sozialistisch-zionistischen Partei kam nach Stuttgart, und hier lehnte unsere Untersektion seine Aufnahme ab, während die Sozialrevolutionäre sich einer Stellungnahme enthielten. Da nach dem Statut neue Mitglieder der Internationale nur mit Zustimmung der nationalen Sektion aufgenommen werden können (wobei bei Meinungsverschiedenheiten zweier nationaler Untersektionen das Internationale Büro die Entscheidung fällt), so konnten die sozialistischen Zionisten normalerweise keinen Zutritt zum Kongress erhalten. Sie erhoben Beschwerde beim Büro, das sofort die Kompromisslösung beschloss, den Vertreter der sozialistischen Zionisten mit beratender Stimme zum Kongress zuzulassen. Jetzt musste die angerichtete Konfusion entwirrt und die Frage beantwortet werden: sind die sozialistischen Zionisten Mitglieder der Internationale oder nicht? V. Adler wandte sich, ebenso wie in Stuttgart, entschieden gegen die sozialistischen Zionisten und weigerte sich, die Entscheidung zu vertagen, wie es die sozialistischen Zionisten in einem Telegramm zu tun baten, da sie am Erscheinen verhindert seien. Nichterscheinen – sagte Adler – ist manchmal das beste Verteidigungsmittel. Ich nahm das Wort, um nochmals an den Beschluss unseres Zentralkomitees zu erinnern und darauf hinzuweisen, dass die Aufnahme der sozialistischen Zionisten gegen den Willen der beiden russischen Untersektionen eine unmögliche Verletzung des Statuts der Internationale wäre. Rubanowitsch und der Vertreter der Sozialistischen Jüdischen Arbeiterpartei, die die Sozialrevolutionäre in Stuttgart in ihre Untersektion aufnahmen, Schitlowski, protestierten heftig gegen die Nichtaufnahme der sozialistischen Zionisten, wobei Rubanowitsch aber von keiner anderen Entscheidung der Partei der Sozialrevolutionäre in dieser Frage als dem Verzicht auf eine Stellungnahme Mitteilung machen konnte, während Schitlowski angesichts des unvermeidlichen Ausschlusses der sozialistischen Zionisten offenkundig sich selbst verteidigte, indem er mit possierlicher Heftigkeit zu beweisen suchte, dass, wenn die sozialistischen Zionisten Territorialisten seien, dasselbe auch von der Soz. Jüd. Arbeiterpartei behauptet werden könne. Selbstverständlich konnte daraus nicht der Schluss zugunsten einer Aufnahme der sozialistischen Zionisten gezogen werden, sondern nur der, dass auch die Soz. Jüd. Arbeiterpartei wohl kaum von einer anderen Partei der Internationale als der der Sozialrevolutionäre aufgenommen werden würde. Ich ergriff zum zweiten Mal das Wort und protestierte kategorisch gegen Rubanowitschs Versuch, die Zionisten einer fremden Untersektion aufzudrängen, ohne einen gleichzeitigen positiven Beschluss seiner eigenen Untersektion vorlegen zu können. Schließlich nahm das Büro einstimmig (bei Stimmenthaltung Rubanowitschs und Vaillants) folgende von Adler vorgeschlagene Resolution an: „Das Büro konstatiert, dass die Zulassung (mit beratender Stimme) der Zionisten nur für den Stuttgarter Kongress galt, dass die Zionisten dem Büro gegenwärtig nicht angeschlossen sind, und geht zur Tagesordnung über".9 Den achten und letzten Punkt der Tagesordnung bildete die fast ohne Debatte erfolgte Bestätigung der besonderen Zusammensetzung der französischen Delegation im Internationalen Büro. Zu dem einen französischen Delegierten wurde Guesde bestimmt, die zweite französische Stimme wurde zwei Delegierten, Vaillant und Jaurès zusammen, übergeben. Die Tagung des Büros schloss mit der einstimmigen Annahme der vom belgischen Delegierten De Brouckère vorgeschlagenen Sympathiekundgebung für die türkische Revolution: „Das Internationale Sozialistische Büro begrüßt mit Freude den Sturz des Regimes, das, im Einverständnis mit den Mächten, Abdul Hamid der Türkei so lange auferlegte; die der Bevölkerung des weiten Reiches gegebene Möglichkeit, über sich selbst zu verfügen; und endlich die Einführung der modernen Freiheiten, die dem erwachenden Proletariat die Möglichkeit geben, im Einvernehmen mit dem Weltproletariat seinen Klassenkampf zu führen“. ★ Montag, den 12. Oktober fand die Tagung der interparlamentarischen Konferenz statt. Auf der Tagesordnung standen drei Punkte: 1. die letzte parlamentarische Session, 2. die Kolonialreformen (Referat Van Kols), 3. über die Tätigkeit der Sozialisten in der Interparlamentarischen Vereinigung zur Förderung des Friedens (Referat Lafontaines, eines belgischen Abgeordneten), sodann vier Fragen: a) Entschädigungsbedingungen der Bauarbeiter (bei Bankrott der Unternehmer), b) Abstimmung durch Briefe, c) neue Listen der Mitglieder und Sekretäre der Parlamentsgruppen, d) Zusendung von Dokumenten. Zum ersten Punkt der Tagesordnung beschränkte man sich gemäß dem Vorschlag Pernerstorfers auf Bestätigung des Beschlusses des Stuttgarter Kongresses: die Sekretäre der Parlamentsfraktionen werden aufgefordert, dem Internationalen Sozialistischen Büro schriftliche Berichte der Fraktionen einzusenden. Zur selben Ermahnung führte die Erörterung der beiden letzten der erwähnten „Fragen". Zu den beiden ersten „Fragen" wurde kurz auf das Material und die Vorschläge verwiesen, die einige der sozialistischen Abgeordneten dazu haben. Das Referat Lafontaines wurde, auf Antrag des Referenten, verschoben. Die Deutschen und die Österreicher wiesen bei dieser Gelegenheit darauf hin, dass sie gegen die Beteiligung von Sozialisten an Friedenskonferenzen bürgerlicher Parlamentarier seien. Der schwedische Abgeordnete Branting berief sich auf die besonderen Bedingungen, die die Beteiligung der schwedischen Sozialdemokraten daran angeblich rechtfertigen. Auf seinen Antrag hin wurde in die Tagesordnung der nächsten interparlamentarischen Konferenz, die gleichzeitig mit der nächsten Tagung des internationalen Sozialistischen Büros zusammentreten wird, auch die Frage der staatlichen Arbeiterversicherung aufgenommen. Die einzige Frage der Tagesordnung, zu der ein kurzes Referat mit anschließender einigermaßen interessanter Diskussion gehalten wurde, war die Frage der Kolonialreformen. Der durch seine opportunistische Stuttgarter Kolonialresolution berühmt gewordene holländische Vertreter Van Kol versuchte in seinem Referat seiner kleinen Lieblingsidee vom „positiven" Kolonialprogramm der Sozialdemokratie von einer anderen Seite aus Einlass zu verschaffen. Unter völliger Zurücksetzung des Kampfes der Sozialdemokratie gegen die Kolonialpolitik, der Massenagitation gegen den kolonialen Raub, der Erweckung des Geistes der Auflehnung und des Widerstandes bei den unterdrückten Kolonialvölkern widmete Van Kol seine ganze Aufmerksamkeit der Aufzählung unter den heutigen Verhältnissen durchführbarer .Reformen" in den Kolonien. Wie ein richtiger gesinnungstüchtiger Beamter zählte er die verschiedensten Fragen auf, vom Eigentumsrecht am Grund und Boden bis zu den Schulen, der Förderung der Industrie, dem Gefängniswesen usw., wobei er immer wieder betonte, man müsse in diesen Fragen möglichst praktisch vorgehen und z. B. damit rechnen, dass das allgemeine Wahlrecht für Wilde nicht immer passe, dass man zuweilen nicht umhin könne zuzugeben, dass in den Kolonien Gefängnisstrafen durch obligatorischen Arbeitsdienst ersetzt werden müssen usw. usw. Das ganze Referat war nicht vom Geiste des proletarischen Klassenkampfes beseelt, sondern vom Geiste des kleinlichsten bürgerlichen, ja noch schlimmer, Beamten-Reformertums. Zum Schluss schlug er zwecks Ausarbeitung des Kolonialprogramms der Sozialdemokratie die Wahl einer Kommission vor, die sich aus Vertretern der fünf wichtigsten Länder mit Kolonialbesitz zusammensetzen sollte. Molkenbuhr von den Deutschen und einige Belgier machten den Versuch, in Van Kols Fußstapfen zu treten, indem sie sich mit ihm in einen Streit über Einzelfragen, über die Frage, ob ein gemeinsames Programm notwendig sei, ob dies keine Schablonisierung sein werde usw., einließen. Van Kol konnte sich keine günstigere Art und Weise der Fragestellung wünschen, denn er wollte ja gerade alles auf die „Praxis" reduzieren und beweisen, dass „in der Praxis" die Meinungsverschiedenheiten geringer seien, als es in Stuttgart schien. Aber Kautsky und Ledebour stellten die Frage prinzipiell und griffen den grundsätzlichen Fehler Van Kols an. Van Kol ist der Ansicht, dass das allgemeine Wahlrecht nicht einmal in Einzelfällen anzuwenden sei – sagte Kautsky –, er söhnt sich somit auf diese oder jene Weise mit der Herrschaft des Despotismus in den Kolonien aus, denn er bringt ein anderes Wahlverfahren nicht in Vorschlag und kann es auch gar nicht in Vorschlag bringen. Van Kol erklärt den obligatorischen Arbeitsdienst für zulässig – sagte Ledebour –, er öffnet damit alle Tore der bürgerlichen Politik, die tausenderlei Vorwände für die Aufrechterhaltung der Sklaverei in den Kolonien benutzt. Van Kol verteidigte sich außerordentlich hartnäckig und außerordentlich schlecht, indem er z. B. zu beweisen suchte, dass manchmal ohne Naturalleistungen nicht auszukommen sei, dass er „dies auf Java selbst gesehen" habe, dass die Papuas nicht wissen, was Abstimmung sei, dass die Wahlen bei ihnen manchmal geradezu durch Aberglaube oder einfach durch Rum-Trinkgelage entschieden werden usw. Kautsky und Ledebour machten sich über diese Argumente lustig und vertraten die unbedingte Anwendbarkeit unseres allgemeinen demokratischen Programms auch in den Kolonien, ebenso wie die Notwendigkeit, in den Kolonien selbst den Kampf gegen den Kapitalismus in den Vordergrund zu stellen. Ist denn der Aberglaube unserer „gebildeten" Katholiken besser als der Aberglaube der Wilden? – fragte Ledebour. Wenn parlamentarische Institutionen und Vertretungskörperschaften auch nicht immer anwendbar sind – sagte Kautsky –, so ist dafür die Demokratie stets anwendbar, der Kampf gegen jede Abweichung von der Demokratie stets obligatorisch. Die Linie der revolutionären und die der opportunistischen Sozialdemokratie traten im Verlauf dieser Diskussion mit voller Klarheit zutage, und Van Kol, der einsehen musste, dass seinem Vorschlag zweifellos eine „Beerdigung erster Klasse" bevorstehe, zog es vor, ihn selbst zurückzuziehen. 1 Das Auslandsbüro des ZK wurde auf dem Augustplenum des letzteren aus 3 Personen gebildet. Nicht zu verwechseln mit dem Auslands-Zentralbüro, Vertreter der ausländischen sozialdemokratischen Organisationen. 2 Volkshaus. Die Red. 4 Englische Aussprache der drei Anfangsbuchstaben. Die Red. 5 Vertretungen des österreichischen bzw. des ungarischen Parlaments zur Behandlung „gemeinsamer" Angelegenheiten. Die Red. 7 Die Worte von „dass der Zarismus" bis „zu festigen" fehlen im Text des „Vorwärts" und sind aus dem Russischen übersetzt. Die Red. 8 Die Worte „nationalen und internationalen'' fehlen im Text des „Vorwärts". Die Red. 9 Aus dem Russischen übersetzt. Die Red. |