Fritz Rück: Der Weg zum Nichts [Die Rote Fahne (Berlin), Nr. 13 vom 28. November 1918. Nach Gesammelte Werke, Band 4, Berlin 1974, S. 423 f. Dort war Rosa Luxemburg für die Verfasserin gehalten worden, die sich tatsächlich in einem Brief über den Artikel empörte] Den fadesten Geschmack in der langen Reihe nachrevolutionärer Wort- und Schaugerichte hat immer noch – die alte Parteitradition muss auch in diesem Punkte in Ehren gehalten werden – die unabhängige Bratensoße. Nach den alten Rezepten mit modernen Nährmittelersatzpräparaten zubereitet, schmeckt sie mehr nach Gummi und Spreewasser als die qualligste Berliner Kaffeetorte. Und das will viel heißen. Wir haben ja von den Herren Haase, Dittmann und Kautsky noch nie viel gehalten und schon oft während des Krieges gefunden, dass sie zwar immer das Maul, aber ab und zu – besonders dann, wenn es galt – auch die Hosen voll hatten. Nun, ein Hase wird über Nacht nicht zum Löwen, ein politischer Bremsklotz, in den sich der Kreis um Kautsky und Ströbel umgewandelt hatte, als der imperialistische Karren schon längst den revolutionären Wolfsgruben zu sauste, nicht zur vorwärts treibenden Dampfmaschine. Haase und Kautsky-Ströbel, sie sehnen sich in geordnete Zustände zurück, der eine, um wieder still-friedlich die zarten Blätter frisch gewachsener Parteitags- und Kongressresolutionen verdauen zu können, die anderen, um nicht in einem Tempo, das alle am Wegrand aufgestellten gedruckten Warnungstafeln übersieht, den Atem zu verlieren. Die Situation – wir geben es zu – ist sehr unangenehm für Leute, die mit Ebert und Scheidemann zusammen regieren und doch dem Proletariat vorerzählen müssen, dass einzig und allein der Sozialismus Leitstern ihres Handelns sei. Aber wir können nicht helfen, wer sich so gemütlich und behäbig in den Dreck setzt wie unsere unabhängigen Freunde, der hat reichlich verdient, dass ihn ein wenig an dem Hintern friert. Die Unabhängigen können ja auch weiterhin versuchen, die Mitwelt von den Vorzügen ihrer Lage oder Stellung – schon die Definierung des geographischen-politischen Zustandes wird schwer – zu überzeugen. Aber niemand wird das Gestammel, das sie in dem Blatt mit dem holdseligen Titel „Die Freiheit" hören lassen, ernst nehmen. Konstituante oder Zentralrat der Arbeiter- und Soldatendelegierten, fest gefügt und unerbittlich klar hat die Geschichte diese zwei Grundstücke verschiedener Klassenorganisationen einander gegenübergestellt. Nur eines von beiden kann das rechte sein. Es gilt zu entscheiden und für diese Entscheidung auch alles einzusetzen. Den Mut dazu haben die Unabhängigen nicht. Man hat zu oft auf Parteitagen gesessen und die verschiedensten Köpfe unter einen Hut gebracht, der allerdings nachträglich keinem passen wollte, um nicht auch jetzt das Kompromiss zu versuchen. Aber was früher nicht viel nützte, wird jetzt Verrat an der Revolution. Schlimmer und gefährlicher als der ehrliche Gegner ist der hemmende Freund. Und dass die Unabhängigen hemmend wirken, das zeigt der Aufruf der Parteileitung in der Mittwochnummer der „Freiheit". Der tatsächliche Inhalt des Aufrufs lässt sich kurz zusammenfassen. Es heißt da zunächst: „Die Organisation der Arbeiter- und Soldatenräte erweitert und befestigt sich."1 Nun kommt nicht etwa die einzig mögliche Folgerung: die ganze Macht den Arbeiter- und Soldatenräten, sondern ein kühner Sprung ins Reich der Bourgeoisie, zur Konstituante. „Nur nicht drängeln, 's kommt jeder dran", heißt hier die Parole. Auch die Konstituante. Nur die Vorarbeiten müssen erst geleistet werden. Nach diesem kühnen Salto mortale ist man gespannt auf das weitere. Und nun kommt, damit auch das Banale nicht fehle, das alte liebe treuherzige Parteivorstandslied mit dem Refrain: Stärkung der Organisationen. Man braucht nicht den Unabhängigen vorzuwerfen, wie es der „Vorwärts" tut, sie trieben unklare Kompromisspolitik. Was sie die letzten Tage getrieben haben und mit diesem Aufruf wieder leisten, das ist überhaupt keine Politik. Das ist das Gebaren eines alten Mannes, der den Orientierungssinn verloren hat, sich im Kreise bewegt und die alten Kindergebete in endloser Monotonie vor sich hin sagt. Noch mehr solcher Taten oder Aufrufe, und die stolze Unabhängige Regierungspartei hat sich politisch unmöglich gemacht, noch bevor sie von der nächsten Revolutionswelle über Bord gefegt wird. 1 An die Partei! In: Die Freiheit (Berlin), Nr. 22 vom 27. November 1918. 424 |
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