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Rosa Luxemburg 19180600 Der Katastrophe entgegen

Rosa Luxemburg: Der Katastrophe entgegen

[Nicht gezeichneter Artikel, Spartacus, Nr. 9 vom Juni 1918. In: Spartakusbriefe, Berlin 1958, S. 422-426. Nach Gesammelte Werke, Band 4, Berlin 1974, S. 380-384]

Das welthistorische Schicksal vollzieht sich mit unerbittlicher Logik. Das deutsche Proletariat, das verabsäumt hat, dem Sturmwagen des Imperialismus in die Speichen zu fallen, wird von ihm nunmehr zur Niederringung des Sozialismus und der Demokratie in ganz Europa herum geschleift Über die Knochen der russischen und ukrainischen, baltischen, finnischen revolutionären Proletarier, über die nationale Existenz der Belgier, Polen, Litauer, Rumänen, über den wirtschaftlichen Ruin Frankreichs stampft der deutsche Arbeiter, bis über die Knie im Blute watend, vorwärts, um überall die Siegesfahne des deutschen Imperialismus aufzupflanzen.

Aber jeder militärische Sieg, den das deutsche Kanonenfutter draußen erringen hilft, bedeutet einen neuen politischen und sozialen Triumph der Reaktion im Innern des Reiches. Mit jedem Sturm auf die Rote Garde in Finnland und in Südrussland steigt die Macht des ostelbischen Junkertums und des alldeutschen Kapitalismus. Mit jeder zerschossenen Stadt in Flandern fällt eine Position der deutschen Demokratie.

Schon jetzt, mitten im Krieg, wird die deutsche Arbeiterklasse, wie sie's verdient, mit Peitschen und Skorpionen gezüchtigt. Das elende Fiasko der preußischen Wahlreform und die ungeheuerlichste Steuervorlage der deutschen Geschichte sind die ersten Quittungen für die willigen Henker fremder Freiheit.

Die Regierungssozialisten, die aus dem Morast ihrer politischen Prostitution Schätze zu heben vermuten, finden nicht einmal Regenwürmer mehr. Nachdem ihre Politik mit deren einziger Trophäe, der famosen Juliresolution des Reichstages, ausgespielt hat, warten sie nur noch resigniert auf den „deutschen Frieden" aus Hindenburgs Händen, der die Revolution und den Sozialismus für immer begraben soll.

Die geschichtliche Spekulation der politischen Maulwürfe wird sich wieder einmal als falsch erweisen. Die Massenschlächterei hat im Westen zwar grausige Dimensionen angenommen, bei alledem ist jedoch die militärische Entscheidung des Krieges heute noch so weit im Felde wie vor ein und zwei Jahren. Je rasender der deutsche Militarismus um sich schlägt, umso mehr werden die Weststaaten naturgemäß durch das warnende Exempel der Friedensschlüsse im Osten zum äußersten, zähesten Widerstand aufgepeitscht. Der Schluss der blutigen Orgie, auf den die Scheidemänner und Heilmänner willenlos mit geschlossenen Augen wie auf ein Fatum harren, kann noch lange auf sich warten lassen.

Eins aber stellt sich mit jedem Tage klarer heraus: Der deutsche Sieg kann auf jeden Fall nichts anderes bedeuten als die Katastrophe der bürgerlichen Gesellschaft.

Bei jeder militärischen Entscheidung des heutigen Weltkrieges würde der Imperialismus der eigentliche Sieger, das internationale Proletariat der eigentliche Besiegte sein. Bei einem deutschen Sieg jedoch würde der Imperialismus in seiner reaktionärsten, gewalttätigsten, aufreizendsten Gestalt die Herrschaft antreten. Eine Reihe rein historischer Umstände bedingen dies mit zwingender Logik.

Der englische und der französische Imperialismus wurzeln in einer Kolonialpolitik alten Datums, sind an traditionelle Bahnen gebunden, der deutsche war bis zum Ausbruch des Weltkrieges im embryonalen Stadium, hat sich erst im Laufe des Krieges zu ungeheuerlichen Dimensionen ausgewachsen, wächst jetzt noch mit jedem Tage und füllt sich im Blutrausch der Millionenschlächterei mit einem Welteroberungsdrang, der keine Traditionen, keine Fesseln und keine Rücksichten kennt.

Der englische und der französische Imperialismus haben ihre Macht- und Expansionsgebiete in Übersee, der deutsche hat im Herzen Europas seine Zelte aufgeschlagen; ganz Osteuropa stöhnt seit dem Gewaltfrieden von Brest-Litowsk unter dem deutschen Joch.

Der englische Imperialismus ist aus geschichtlichen Gründen an gewisse demokratische Formen gebunden, der französische aus wirtschaftlichen Gründen an ein langsames Tempo und stagnierenden Charakter gewöhnt. Der deutsche Imperialismus verbindet das brutale Draufgängertum des preußischen Junker- und Polizeistaates mit der ungestümen Gier eines modernen Finanzkapitals, das gerade in der Bluttaufe dieses Krieges seine größte Zusammenballung erreicht hat.

Während deshalb der anglo-französische Imperialismus im Laufe des letzten Jahrhunderts alle vorkapitalistischen Verhältnisse in Asien und Afrika umgestürzt hat, war und ist seine Politik in Europa selbst wesentlich konservativ. Der deutsche Imperialismus wirft jetzt die Brandfackel des Umsturzes und der Anarchie in europäische kapitalistische Verhältnisse selbst. In wenigen Monaten seiner skrupellosen Wirtschaft nach ostelbischen Methoden hat er in Polen, Litauen, Estland, Kurland, Livland, der Ukraine, in Rumänien, auf dem Kaukasus das Unterste nach oben gekehrt. Von Finnland bis zum Schwarzen Meer hat er ein Elend, einen Ruin, ein unentwirrbares Durcheinander, eine Verschärfung der nationalen und der Klassengegensätze und einen tödlichen Hass erzeugt, die ganz Osteuropa in einen brodelnden Vulkan verwandeln. Nur mit Mühe äußerlich zurückgehalten, ist die Explosion im Osten nur eine Frage der Zeit.

Alles aber, was an zuckender Anarchie, an wetterleuchtenden Stürmen im Osten sich ankündet, ist ein Kinderspiel gegen das, was im Westen am Horizont sich erhebt, falls auch dort Hindenburgs „Dicke Berta" „Ordnung" schaffen sollte, falls Frankreich wie Polen Stücke lebendigen Fleisches aus der Flanke gerissen, falls Belgien wie die Ukraine dauernd erdrosselt, falls Flandern wie das Baltikum mit deutscher „Befreiung" beglückt werden sollte!

Gerade weil jeder deutsche Sieg im Westen die ostelbische Reaktion und den imperialistischen Wahnwitz im Innern ins Ungemessene steigert, wird eine Neuordnung in Westeuropa von einiger Dauerhaftigkeit wie die Herstellung irgendeines für alle Völker halbwegs erträglichen Gleichgewichts auch nur in bürgerlich-kapitalistischen Formen unter deutschem Diktat ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Weltherrschaft der „Dicken Berta", Europa unter dem Joch Preußen-Deutschlands – das ist eben eine weltfremde Phantasie, an die nur die Reventlows in ihrem naiven Kannibalismus, in ihrer politischen Urwaldnacktheit oder aber nur die Lakaienseelen des Regierungssozialismus allen Ernstes glauben können. Die deutsche Säbelherrschaft über Europa ist ein Fiebertraum des Blutrausches, aus dem das Erwachen die europäische Revolution heißt.

Diesem Ziel und keinem andern taumeln die deutschen „Sieger" entgegen, wenn sie jetzt skrupellos Völker ausplündern, Länder ruinieren, Revolutionen erdrosseln, Nationen „befreien", aus fremden Gebieten Riemen schneiden, blühende Fluren in grausige Einöden verwandeln und Menschenblut wie Jauche verspritzen.

Und wie würde es im Innern Deutschlands nach einem „deutschen Siege" aussehen? Deutschland in ein Kriegslager auf die Dauer verwandelt, um das besiegte Europa mit Blut und Eisen niederzuhalten, das heißt nichts anderes als der grinsende Staatsbankrott, der wirtschaftliche Ruin unter der Last der schwindelnden Kriegsschuld und der weiteren Rüstungen. In ihrem Gefolge die neunschwänzige Katze der indirekten Steuern und Monopole, das heißt also nach dem Kriegshungern aus vaterländischer Begeisterung das Friedenshungertuch als einziger Lohn für die Volksmasse!

So sieht das tausendjährige Reich des deutschen Imperialismus der Anarchie draußen dem Zusammenbruch im Innern so ähnlich wie ein Ei dem andern. Der „deutsche Sieg" – ob und wann er immer kommen mag - ist auf Sand gebaut; richtiger auf einen Orkan, er ist ein Kartenhaus, das nicht einen Tag ruhig bestehen kann, unter dem schon am andern Tage die Fundamente zu beben und zu bersten beginnen.

Der deutsche Arbeiter wird also – und sehr bald und erst recht nach einem „deutschen Siege" – zur Revolution greifen müssen, ob er sich noch so sträubt und tot stellt und die Stimme der Zeit nicht hören will. Der Henker fremder Freiheit, der Gendarm der europäischen Reaktion wird gegen sein eigen Werk sehr bald rebellieren müssen, weil eherne geschichtliche Gesetze ihrer nicht spotten lassen. Mit eigenen Händen, durch eigenen Kadavergehorsam, durch eigene „Siege" im Dienste der Reaktion bereitet der deutsche Proletarier in diesen Tagen die europäische und folglich die deutsche Revolution vor.

Und wenn die Stunde schlägt, werden diejenigen, die sich jetzt von Russland abgewendet haben, um vor Hindenburg auf dem Bauch zu rutschen, wieder nach Osten sich wenden, um sich ein wenig heilige Glut von dem Brande zu borgen, den sie heute mit blutbesudelten Kommissstiefeln auf Geheiß des Imperialismus auszutreten sich mühen.

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