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Wladimir I. Lenin 19141212 Über den Nationalstolz der Großrussen

Wladimir I. Lenin: Über den Nationalstolz der Großrussen

[Sozialdemokrat Nr. 35, 12. Dezember 1914. Nach Sämtliche Werke, Band 18, 1929, S. 103-107]

Wie viel redet, erläutert, schreit man jetzt über Nationalität und Vaterland! Liberale und radikale Minister Englands, eine Unmenge „fortschrittlicher“ Publizisten Frankreichs (die sich als völlig solidarisch mit den Publizisten der Reaktion erwiesen haben), eine Unmasse amtlicher, kadettischer und progressiver Federhelden Russlands (ja selbst gewisse Narodniki und „Marxisten“) , – sie alle beweihräuchern auf tausenderlei Art die Freiheit und Unabhängigkeit des „Vaterlands“, die Erhabenheit des Prinzips nationaler Selbständigkeit. Man kann nicht unterscheiden, wo hier der käufliche Barde des Henkers Nikolai Romanow oder der Inder- und Negerschinder endet und wo der Durchschnittsspießer anfängt, der aus Stumpfsinn oder Charakterlosigkeit „mit dem Strom“ schwimmt. Es hat auch keinen Wert, da Unterschiede zu machen. Wir haben es mit einer sehr breiten und tiefen Geistesströmung zu tun, deren Wurzeln mit den Interessen der Herren Gutsbesitzer und Kapitalisten der Großmächte sehr fest verwachsen sind. Für die Propaganda der Ideen, die für diese Klassen von Vorteil sind, werden jährlich Millionen und aber Millionen ausgegeben: eine gewaltige Mühle, die ihr Wasser von überall her nimmt, angefangen von dem überzeugten Chauvinisten Menschikow bis zu den Chauvinisten aus Opportunismus oder aus Charakterlosigkeit, den Plechanow und Maslow, Rubanowitsch und Smirnow, Kropotkin und Burzew.

Auch wir, großrussische Sozialdemokraten, wollen nun versuchen, unsere Stellungnahme zu dieser geistigen Strömung festzulegen. Uns, den Vertretern der eine Großmacht bildenden Nation im äußersten Osten Europas und in einem guten Teile Asiens, würde es nicht geziemen, die ungeheure Bedeutung der nationalen Frage zu vergessen; – besonders in einem Lande, das man mit Recht „das Zuchthaus der Völker“ nennt; – zu einer Zeit, da gerade im äußersten Osten Europas und in Asien der Kapitalismus eine ganze Reihe von „neuen“, großen und kleinen Nationen zum Leben und zum Bewusstsein erweckt; – in einem Moment, da die Zarenmonarchie Millionen von Großrussen und „Fremdstämmigen“ unter die Waffen gestellt hat, um eine ganze Reihe von nationalen Fragen entsprechend den Interessen des Rates des vereinigten Adels und der Gutschkow und Krestownikow, der Dolgorukow, Kutler und Roditschew zur „Lösung“ zu bringen.

Ist denn uns großrussischen klassenbewussten Proletariern das Gefühl des nationalen Stolzes fremd? Gewiss nicht! Wir lieben unsere Sprache und unsere Heimat, wir wirken am meisten dafür, dass ihre werktätigen Massen (d. h. neun Zehntel ihrer Bevölkerung) zum bewussten demokratischen und sozialistischen Leben erhoben werden. Es schmerzt uns am meisten, zu sehen und zu fühlen, welchen Gewalttaten, welcher Unterdrückung, welchem Joch die Zarenschergen, Gutsbesitzer und Kapitalisten unsere schöne Heimat unterwerfen. Wir sind stolz darauf, dass diese Gewalttaten aus unserer Mitte, aus dem Lager der Großrussen Widerstand hervorgerufen haben, dass aus diesem Lager Radischtschew, die Dekabristen, die Rasnotschinzy-Revolutionäre der siebziger Jahre hervorgegangen sind, dass die großrussische Arbeiterklasse im Jahre 1905 eine mächtige revolutionäre Massenpartei geschaffen, dass der großrussische Muschik zur selben Zeit Demokrat zu werden und den Popen und den Gutsbesitzer davon zu jagen begonnen hat.

Wir haben nicht vergessen, dass vor einem halben Jahrhundert der großrussische Demokrat Tschernyschewski, der sein Leben der Sache der Revolution hingab, gesagt hat: „Eine erbärmliche Nation, eine Nation von Sklaven, von oben bis unten – alles Sklaven.“1 Die offenen und versteckten großrussischen Sklaven (Sklaven im Verhältnis zur Zarenmonarchie) lieben es nicht, an diese Worte erinnert zu werden. Aber nach unserer Meinung waren das Worte wahrer Heimatliebe, einer Liebe, die unter dem Mangel an revolutionärem Geist bei den Massen der großrussischen Bevölkerung litt. Damals gab es diesen revolutionären Geist nicht.

Jetzt ist er, obwohl in geringem Maße, doch vorhanden. Wir sind erfüllt vom Gefühl nationalen Stolzes, denn die großrussische Nation hat gleichfalls eine revolutionäre Klasse hervorgebracht, hat gleichfalls bewiesen, dass sie imstande ist, der Menschheit gewaltige Vorbilder des Kampfes für die Freiheit und den Sozialismus zu geben und nicht nur gewaltige Pogrome, Reihen von Galgen, Folterkammern, gewaltige Hungersnöte und gewaltige Kriecherei vor den Popen, den Zaren, den Gutsbesitzern und Kapitalisten zu liefern.

Wir sind erfüllt vom Gefühl nationalen Stolzes, und gerade deshalb hassen wir ganz besonders unsere sklavische Vergangenheit (in der adlige Gutsbesitzer die Muschiks in den Krieg führten, um die Freiheit Ungarns, Polens, Persiens, Chinas zu erdrosseln) – und unsere sklavische Gegenwart, in der dieselben Gutsbesitzer, unterstützt von den Kapitalisten, uns in den Krieg führen, um Polen und die Ukraine zu erdrosseln, um die demokratische Bewegung in Persien und China zu erdrücken, um die unsere großrussische Nationalwürde schändende Bande der Romanow, Bobrinski und Purischkjewitsch zu stärken. Niemand ist schuld daran, dass er als Sklave geboren wurde; aber ein Sklave, dem nicht nur alle Freiheitsbestrebungen fremd sind, sondern der seine Sklaverei noch rechtfertigt und beschönigt (der z. B. die Erdrosselung Polens, der Ukraine usw. als „Vaterlandsverteidigung“ der Großrussen bezeichnet), – ein solcher Sklave ist ein Lump und ein Schuft, der ein berechtigtes Gefühl der Empörung, der Verachtung und des Ekels hervorruft. „Ein Volk, das andere unterdrückt, kann sich nicht selbst emanzipieren“ (Engels im „Volksstaat“, 1874, Nr. 69) – so sprachen die größten Vertreter der konsequenten Demokratie des 19. Jahrhunderts, Marx und Engels, die die Lehrer des revolutionären Proletariats geworden sind. Und wir, die großrussischen Arbeiter, die wir vom Gefühl nationalen Stolzes erfüllt sind, wollen um jeden Preis ein freies und unabhängiges, ein selbständiges, demokratisches, republikanisches, stolzes Großrussland, das seine Beziehungen zu den Nachbarn auf dem menschlichen Prinzip der Gleichheit aufbaut und nicht auf dem jede große Nation entwürdigenden Prinzip der Hörigkeit und der Privilegien. Gerade weil wir das wollen, sagen wir: Man kann im 20. Jahrhundert in Europa (und sei es auch im fernen Osteuropa) nicht anders das „Vaterland verteidigen“, als indem man mit allen revolutionären Mitteln gegen die Monarchie, die Grundbesitzer und Kapitalisten des eigenen Vaterlandes, d. h. gegen die schlimmsten Feinde seiner Heimat kämpft; – die Großrussen können „das Vaterland“ nicht anders „verteidigen“, als indem sie dem Zarismus in jedem Kriege die Niederlage wünschen, – als das kleinste Übel für neun Zehntel der Bevölkerung Großrusslands; denn der Zarismus unterdrückt nicht nur diese neun Zehntel der Bevölkerung ökonomisch und politisch, sondern er demoralisiert, erniedrigt, entehrt und prostituiert sie auch, indem er sie lehrt, fremde Völker zu unterdrücken und ihre Schmach mit heuchlerischen, angeblich patriotischen Phrasen zu bemänteln.

Man wird uns vielleicht erwidern, dass neben dem Zarismus und unter seinen Fittichen bereits eine andere historische Macht entstanden und erstarkt ist, – der großrussische Kapitalismus, der fortschrittliche Arbeit leistet, indem er gewaltige Gebiete ökonomisch zentralisiert und zusammenfasst. Aber ein solcher Einwand ist keine Freisprechung, vielmehr eine noch stärkere Anklage gegen unsere chauvinistischen Sozialisten, – sie, die man einfach zaristische Purischkjewitsch-Sozialisten nennen müsste (wie Marx die Lassalleanerköniglich preußische Sozialisten“ genannt hat). Nehmen wir sogar an, dass die Geschichte die Frage zugunsten des großrussischen Großmacht-Kapitalismus gegen hundert und eine kleine Nation entscheiden würde. Das ist nicht unmöglich, denn die ganze Geschichte des Kapitals ist eine Geschichte von Gewalttaten und Plünderung, von Blut und Schmutz. Auch sind wir keineswegs unbedingte Verfechter der kleinen Nationen; wir sind, bei sonst gleichen Bedingungen, unbedingt für die Zentralisation und gegen das kleinbürgerliche Ideal der Föderativbeziehungen. Doch selbst in einem solchen Fall ist es erstens nicht unsere Sache, nicht Sache der Demokraten (geschweige denn der Sozialisten), den Romanow-Bobrinski-Purischkjewitsch bei der Erdrosselung der Ukraine usw. zu helfen. Bismarck hat in seiner Art, auf junkerliche Weise, eine historisch fortschrittliche Sache vollbracht, aber der wäre ein schöner „Marxist“, der auf Grund dessen die Unterstützung Bismarcks durch Sozialisten zu rechtfertigen gedächte! Dabei förderte Bismarck die ökonomische Entwicklung, indem er das zersplitterte Deutschland, das unter dem Druck fremder Nationen litt, vereinigte. Der ökonomische Aufschwung und die rasche Entwicklung Großrusslands aber erfordert die Befreiung des Landes von der Vergewaltigung anderer Nationen durch die Großrussen, – diesen Unterschied vergessen unsere Verehrer der echt-russischen quasi-Bismarcks.

Wenn die Geschichte die Frage zugunsten des großrussischen Großmacht-Kapitalismus entscheiden wird, so folgt daraus zweitens, dass die sozialistische Rolle des großrussischen Proletariats, als der Haupttriebkraft der – vom Kapitalismus erzeugten – kommunistischen Revolution um so größer sein wird. Für die Revolution des Proletariats bedarf es aber einer langwierigen Erziehung der Arbeiter im Geiste der vollsten nationalen Gleichheit und Brüderlichkeit. Also gerade vom Standpunkte der Interessen des großrussischen Proletariats ist eine langwierige Erziehung der Massen im Sinne des entschlossensten, konsequentesten, kühnsten und revolutionärsten Eintretens für die völlige Gleichberechtigung und für das Selbstbestimmungsrecht aller von den Großrussen unterdrückten Nationen erforderlich. Das Interesse des (nicht knechtisch aufgefassten) Nationalstolzes der Großrussen fällt zusammen mit dem sozialistischen Interesse der großrussischen (und aller übrigen) Proletarier. Unser Vorbild wird Marx bleiben, der, nach jahrzehntelangem Leben in England ein halber Engländer geworden, die Freiheit und nationale Unabhängigkeit Irlands im Interesse der sozialistischen Bewegung der englischen Arbeiter forderte.

Aber unsere hausbackenen sozialistischen Chauvinisten, Plechanow usw. usw., werden sich in dem zuletzt betrachteten, von uns vorausgesetzten Falle nicht allein an ihrer Heimat, dem freien und demokratischen Großrussland, als Verräter erweisen, sondern auch an der proletarischen Verbrüderung aller Völker Russlands, d. h. an der Sache des Sozialismus.

1 Im „Prolog eines Prologs“ (Sämtl. Werke, Bd. X, russisch).

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