Franz Mehring: Zu Heines Gedächtnis1 Dezember 1899 [Die Neue Zeit, 18. Jg. 1899/1900, Erster Band, S. 289-292. Nach Gesammelte Schriften, Band 10, S. 477-481] „… alle Verleumdungen, die seit vielen Jahren in so reichlicher Fülle gegen mich zum Vorschein gekommen, und die ich mit Geduld und Stolz ertrage. Ich sage: mit Stolz, denn ich konnte dadurch auf den hochmütigen Gedanken geraten, dass ich zu der Schar jener Auserwählten des Ruhmes gehörte, deren Andenken im Menschengeschlecht fortlebt und die überall neben den geheiligten Lichtspuren ihrer Fußtapfen auch die langen kotigen Schatten der Verleumdung auf Erden zurücklassen." So schrieb Heinrich Heine im Jahre 1837 gegen den Denunzianten Menzel, und wir wüssten seiner mit keinem treffenderen Worte zu gedenken, zum 13. Dezember dieses Jahres, dem Säkulartage seiner Geburt. Das Datum ist neuerdings bestritten worden, und die Mehrzahl der Kleinkrämer, die in den Vorhöfen der Literaturgeschichte mit ihren Kehrbesen hantieren, ist sogar geneigt, sich für den 13. Dezember 1797 als den eigentlichen Geburtstag Heines zu erklären. In dem reichlichen Staube, der über diese ganz nebensächliche Frage aufgewirbelt worden ist, kommt man leicht um die heikle Frage herum, ob die deutsche Nation, die sich sonst im Festefeiern nicht genug tun kann, den Säkulartag eines ihrer größten Dichter feiern soll. Wie darf der gewissenhafte Patriot einen Tag feiern, von dem er nicht einmal weiß, wann er im Kalender steht! So wird der 13. Dezember 1899 klang- und sanglos vorübergehen, wie der 13. Dezember 1897 sang- und klanglos vorübergegangen ist. Es ist die richtige Konsequenz jener Krähwinkeleien, die den toten Stein, der dem Dichter zu Ehren auf deutschem Boden errichtet werden sollte, glücklich über das große Wasser gesprengt haben. Lassen wir jedoch in dem langen kotigen Schatten der Verleumdung, wem immer darin wohl sein mag: Wir freuen uns um so mehr der Lichtspuren, die Heines Fußtapfen hinterlassen haben, und wir nehmen ihn gern, wie er war, ohne auch nur das Geringste von dem abzudingen, was die Dunkelmänner jeglichen Kalibers an ihm auszusetzen haben. Eben dass sie ihn heute, über vierzig Jahre nach seinem Tode, mit der ganzen wilden Glut hassen, als wandelte er ein Lebender noch unter uns, eben das ist uns die untrüglichste Bürgschaft dafür, dass Heine ein großer Vorkämpfer der großen Sache war, für die auch wir in Wehr und Waffen stehen. Käme der Tag, und dank unseren Kämpfen wird er kommen, wo die deutsche Nation frei und freudig anerkennen würde, was sie an Heine besessen hat, so hätte die deutsche Kultur und Zivilisation einen unermesslichen Fortschritt gemacht, aber ehe dieser Tag anbricht, ist es tausendmal besser, dass Heines Name ein Feldruf bleibt, der die Guten und die Schlechten trennt, als dass er im Schlamme des Philistertums versänke, wie leider das Andenken unserer Klassiker, deren Namen – wir haben es eben wieder bei der Goethefeier gehört – der gute Patriot mit dünner Fistelstimme preist, weil er ihre Werke nicht kennt. Ein Mann wie Marx wusste wohl, weshalb er über Heines menschliche Schwächen sehr nachsichtig urteilte. Alle großen Kämpfer, die auf der Grenzscheide zweier Weltalter die Träger der neuen Fackeln sind, kommen zu kurz, wenn man sie an der Philisterelle misst; aus jedem von ihnen lässt sich mit leichter Mühe ein groteskes Zerrbild machen. Das gilt von Hutten und Voltaire nicht minder als von Heine; ja, alle wütenden Anstrengungen seiner Hasser können aus Heine nicht einmal eine solche Teufelslarve zurecht kneten, wie die römischen Bonzen aus Luther zurecht geknetet haben. Wie das gemacht wird, hat Heine selbst einmal sehr drastisch geschildert; er sagt von einer Schrift, die ein patriotischer Philister bei seinen Lebzeiten gegen ihn gerichtet hatte: „Das Beste an der ganzen Abhandlung ist der wohlbekannte Kniff, womit man verstümmelte Sätze aus den heterogensten Schriften eines Autors zusammenstellt, um demselben jede beliebige Gesinnung oder Gesinnungslosigkeit aufzubürden. Freilich, der Kniff ist nicht neu, doch bleibt er immer probat, da von Seiten des angefochtenen Autors keine Widerlegung möglich ist, wenn er nicht etwa ganze Folianten schreiben wollte, um zu beweisen, dass der eine von den angeführten Sätzen humoristisch gemeint, der andere zwar ernst gemeint sei, aber sich auf einen Vordersatz beziehe, der ihm eben seine richtige Bedeutung verleiht; dass ferner die aneinandergereihten Sätze nicht bloß aus ihrem logischen, sondern auch aus ihrem chronologischen Zusammenhang gerissen werden, um einige scheinbare Widersprüche herauszuklauben; dass aber eben diese Widersprüche von der höchsten Konsequenz zeugen würden, wenn man Zeitfolge, Zeitumstände, Zeitbedingungen bedächte – ach! wenn man bedächte, wie die Strategie eines Autors, der für die europäische Freiheit kämpft, wunderlich verwickelt ist, wie seine Taktik allen möglichen Veränderungen unterworfen, wie er heute etwas als äußerst wichtig verfechten muss, was ihm morgen ganz gleichgültig sein kann, wie er heute diesen Punkt, morgen einen andern zu beschützen und anzugreifen hat, je nachdem es die Stellung der Gegenpartei, die wechselnden Allianzen, die Siege oder die Niederlagen des Tages erfordern." Man braucht diese feine Schilderung des „wohlbekannten Kniffes" nur zu lesen, um zu erkennen, dass er auch heute noch eine Hauptwaffe der Dunkelmänner jedes Kalibers ist; sie sind immer dieselben, denn in ihrer zornigen Borniertheit gibt es keine Entwicklung. Eine andere ihrer Hauptwaffen – die Maske der sittlichen Entrüstung, die den Hass gegen den historischen Fortschritt verdecken soll – ist gerade auch gegen Heine in überreichlichem Maße angewandt worden. Dieselben Tugendhelden, die über die Mätressenwirtschaft ihrer offiziellen Größen gleich beide Augen zudrücken, haben von jeher ganze Katarakte moralischer Empörung über Heine ergossen, weil er nach altem Dichterrecht manche losen Dirnchen in seinen Gedichten verewigt hat. Nach altem Dichterrecht, von dem kein Dichter einen ausgiebigeren Gebrauch gemacht hat als der römische Hofpoet Horaz, an dessen Oden die patriotischen Philister ihre halbwüchsigen Jungen erziehen lassen. Ja, sie haben es sogar fertig gebracht, was immerhin eine Leistung ist, eine Horazische Ode an irgendeine willige Lalage (Integer vitae scelerisque purus) zu einem feierlichen Grabgesang zu machen, den sie in getragener Melodie in ihren bewegtesten Stunden anstimmen. Aber was an dem Hofpoeten so überschwänglich bewundert wird, das muss natürlich an dem Volksdichter ebenso überschwänglich gelästert werden. Eine dritte Hauptwaffe, die von den beschränkten Spießbürgern gegen Heine geschwungen wird, hat er selbst schon in dem geflügelten Worte verspottet: Ein Talent, doch kein Charakter! Er war ein großer Künstler, aber ebendeshalb war er kein Politiker, der auf die Paragraphen eines Programms eingeschworen werden konnte oder sich auch nur darauf einzuschwören lassen brauchte; die verrottete Welt, die er bekämpfte, griff er nicht mit politischen Waffen an; von seinem Lebenswerk gilt dasselbe, was er von den aristophanischen Lustspielen sagt, dass „die tiefe Weltvernichtungsidee darin wie ein phantastisch-ironischer Zauberbaum emporschießt mit blühendem Gedankenschmuck, singenden Nachtigallnestern und kletternden Affen". Jedoch als großer Künstler ist Heine auch ein großer Charakter gewesen; sein Dichterleben hat nicht jenen Bruch, der an dem Leben nicht aller, aber vieler unserer Klassiker als ein trauriges deutsches Erbteil erkältet. Ein geistreicher Franzose hat einmal von dem alternden Goethe gesagt, er gleiche einem ehemaligen Räuberhauptmann, der sich vom Handwerk zurückgezogen habe, unter den Honoratioren eines Provinzialstädtchens ein ehrsam bürgerliches Leben führe, aufs kleinlichste alle Philistertugenden zu erfüllen strebe und in die peinlichste Verlegenheit gerate, wenn zufällig irgendein wüster Waldgesell aus Kalabrien mit ihm zusammentreffe und alte Kameradschaft suchen möchte. Das aber lässt sich von Heine nicht sagen; er ist immer der alte Räuberhauptmann, immer der große Spötter geblieben, von den „Reisebildern" bis zum „Romanzero". Ja seine letzte Gedichtsammlung, die ihm in der grauenvollen „Matratzengruft" entstanden ist, mag leicht sein größtes Kunstwerk sein; so souverän wie in ihr hat er vielleicht selbst in seinen gesundesten Tagen nicht mit Welt und Leben gespielt! Und einem Dichter, der in dem qualvollen Todesringen lange Jahre sich und seiner Kunst bis zum letzten Hauche treu geblieben ist, wagten die neudeutschen Zionswächter den Charakter abzusprechen! Immerhin vielleicht nicht ohne Recht, wenn das Charakter sein soll, was sie unter Charakter verstehen. Heine selbst dachte darüber anders und größer, und mit gerechtem Selbstbewusstsein durfte er sich die Grabschrift setzen:
Verlorner Posten in dem Freiheitskriege, Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus. Ich kämpfte ohne Hoffnung, dass ich siege, Ich wusste, nie komm' ich gesund nach Haus. Ein Posten ist vakant! – Die Wunden klaffen – Der eine fällt, die andern rücken nach – Doch fall' ich unbesiegt, und meine Waffen Sind nicht gebrochen – Nur mein Herze brach.
Wie aber der Dichter Heine darin den meisten unserer Klassiker überlegen war, dass er dem Philistertum durchaus keine Konzessionen machte, so ist er in dem gleichen Punkte auch den meisten der Modernen überlegen. Wir sind ja jetzt glücklich wieder bei der, wie Treitschke in seinen jüngeren Jahren sagte, vertrockneten Konrektorenweisheit angelangt, wonach die politische und soziale Dichtung ein Frevel an der Kunst sein soll, wonach der Dichter zwar die duftenden Gelbveiglein und die blühenden Zwetschgenbäume und die summenden Maikäfer besingen soll, aber beileibe nicht in den großen realen Interessen des modernen Völkerkampfes das begeisternde Prinzip seiner Kunst erblicken darf, wonach ein Stimmungsbildchen Mörikes oder Storms zwar echte Poesie ist, aber ein klirrendes Reiterlied Herweghs oder Freiligraths Sang der „Toten an die Lebenden" nur stotternde Unkunst. Gewiss können die Grenzen der Kunst nach der einen wie nach der anderen Seite überschritten werden, nach der Seite der blühenden Gelbveiglein wie nach der Seite der klirrenden Reiterlieder, und gerade der Künstler Heine hat sich gegen die Ausschreitungen nach der einen wie nach der anderen Seite sehr schroff gewandt. Aber er hat auch durch sein eigenes Beispiel gezeigt, dass echter Kunst nichts Menschliches fremd ist, dass sie überall aus dem vollen wirtschaften kann, auf politischem und sozialem Gebiet nicht minder wie auf jedem anderen, dass der echte und große Künstler immer mitten in den Bewegungen steht, die seine Zeit erschüttern, dass die Kunst die Tochter der Freiheit ist und in der Sklavengesinnung verschmachten muss, die sich feige von dem Nerv alles menschlichen Lebens abwendet. Es sind jetzt gerade siebzig Jahre her, als ein deutscher Aristokrat schrieb: „Lachen muss ich immer über die Engländer, die diesen ihren zweiten Dichter (denn nach Shakespeare gebührt Byron die Palme) so jämmerlich spießbürgerlich beurteilen, weil er ihre Pedanterie verspottete, sich ihren Krähwinkelsitten nicht fügen, ihren kalten Glauben nicht teilen wollte, ihre Nüchternheit ihm ekelhaft war und er sich über ihren Hochmut und ihre Heuchelei beklagte." Darüber lachte im Jahre 1830 mit dem Fürsten Pückler-Muskau auch der deutsche Bürgersmann, nicht ahnend, dass seine Enkel nach siebzig Jahren mit ihrer blöden Hetze gegen Heine ein noch viel kläglicheres Schauspiel aufführen würden. Aber klagen wir nicht über etwas, was dem Dichter selbst, könnte er es sehen, sein hellstes Lachen entlocken würde! Wer in dem großen Kampfe der Zeit auf der Seite steht, wo Heine gestanden hat, der kann den Säkulartag seiner Geburt nicht schöner feiern als durch den ehrlichen Entschluss, sich den Hass aller Finsterlinge und Schwachköpfe in demselben ausgiebigen Maße zu erwerben, worin ihn erworben zu haben Heines historisches Ehrenzeugnis ist. 1 Siehe den Artikel „Heinrich Heine" (17. 2. 1906). |