Franz Mehring 19120126 Ein aufgeklärter Despot?

Franz Mehring: Ein aufgeklärter Despot?

Januar 1912

[Die Neue Zeit, 30. Jg. 1911/12, Erster Band, S. 609-613. Nach Gesammelte Schriften, Band 5, S. 495-501]

Es ist alter Volksglaube, dass nach hundert Jahren die Leute wieder geboren werden. Die Zeit ist erfüllet. Möge sein wiedergeborener Geist über uns kommen und alle Widersacher, die den Eintritt ins Land der Verheißung uns wehren, mit flammendem Schwerte vertilgen! Wir aber schwören, in diesem seinem Geiste zu leben und zu sterben!" So schrieb im Jahre 1840, als sich die Thronbesteigung des Königs Friedrich von Preußen zum hundertsten Male jährte, der radikale Junghegelianer Friedrich Koppen in einer Schrift, die er seinem Freunde Karl Marx aus Trier widmete.

Nahezu fünfzig Jahre danach, im Jahre 1886, als der Todestag des Königs Friedrich sich zum hundertsten Male jährte, meinte der alte Kaiser Wilhelm, der ehemalige „Kartätschenprinz": „Alles, was wir Großes und Gutes heute in unserem Lande bewundern, ist auf den Fundamenten gegründet, die er gelegt hat." Was dieser allezeit beschränkte Drillfeldwebel als „Großes und Gutes" im neudeutschen Reiche bewunderte, braucht nicht ausführlich dargelegt zu werden: Es genügt, zu erinnern an die borussische Junkerherrlichkeit, den aussaugenden Militarismus, den Brot- und Fleischwucher, das Sozialistengesetz, die russische Vasallenschaft. Wer hat nun recht: der kecke Junghegelianer mit seinen kaum dreißig oder der stumpfsinnige Hohenzoller mit seinen bald neunzig Jahren?

Es lohnt sich, einen Augenblick bei dieser Frage zu verweilen, da gegenwärtig die patriotische Trommel gerührt wird für den Geburtstag des Königs Friedrich, der sich am 24. Januar dieses Jahres zum zweihundertsten Male jährt und einige Tage später, am Geburtstag des gegenwärtigen Kaisers, mit dem üblichen Lärm gefeiert werden soll. Unter anderem hat der Kaiser von Herrn Koser, dem Generaldirektor der preußischen Staatsarchive, eine Schrift über seinen Vorgänger anfertigen lassen, die in hunderttausend Exemplaren an die preußischen Schüler als kaiserliches Geschenk verteilt werden soll. Herr Koser hat nun zwar eine recht leidliche Biographie Friedrichs geschrieben, aber zu seiner Schulschrift wird wohl Mephistos Wort als Motto taugen: Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht sagen. Und was sonst in der bürgerlichen Presse aus diesem Anlass bisher an Gedenkartikeln geliefert worden ist, trägt durchweg den Stempel untertäniger Loyalität.

Um es mit einem Worte vorwegzunehmen, so hat der alte Wilhelm und nicht der junge Koppen recht und dreimal recht gehabt. Man mag höchstens darüber streiten, ob der König Friedrich die Fundamente des preußischen Staates gelegt und nicht vielmehr nur befestigt hat, denn diese Fundamente bestanden schon vor ihm durch die besondere historische Entwicklung, die die brandenburgisch-preußische Militärkolonie seit den Tagen des Mittelalters genommen hatte. Aber diese Fundamente im modernen Sinne umzuwälzen oder auch nur ein wenig auszuflicken, hat König Friedrich während seiner langen Regierung allemal verschmäht; er hat sie durchaus nur erweitert und verstärkt, von der borussischen Junkerherrlichkeit bis zur russischen Vasallenschaft. In allen Zweigen seiner Herrschertätigkeit hat er – mit einziger Ausnahme der Rechtspflege, wo er einige Anläufe zu Reformen machte, um schließlich doch wieder in der launenhaftesten Kabinettsjustiz zu versumpfen – durchaus auf der historisch rückständigen Seite gestanden, und wer seine Geschichte irgendwie kennt, wird es nur als beißenden Hohn empfinden, wenn er als Muster eines aufgeklärten Despoten gefeiert wird.

Nichts hat ihm mehr am Herzen gelegen, als den feudal-mittelalterlichen Kastenstaat mit den drei erblich geschiedenen Ständen der Junker, der Bauern und der Bürger aufrechtzuerhalten. Wenn es anders die Sache des aufgeklärten Despotismus war, die bürgerliche Entwicklung zu fördern, um eine Stütze gegen den Adel zu gewinnen, so hat Friedrich die Städte abgewürgt, um den Adel zu hätscheln und ihn mit noch immer mehr Vorrechten zu überhäufen, als er in diesem gesegneten Lande schon von jeher besaß. Es ist recht eigentlich Friedrichs Vermächtnis, die ganze militärische und zivile Maschinerie des Staates in die Fäuste des Junkertums so gründlich gespielt zu haben, dass sie ihnen bis heute noch nicht hat entrissen werden können. Sowenig wie den Städten half er den Bauern gegen die Junker; höchstens dem junkerlichen „Bauernlegen" suchte er gewisse Schranken zu setzen, um Rekruten für sein Heer und Steuerzahler für seinen Säckel zu behalten. Einzig unter diesem Gesichtspunkt hat er das gutsherrlich-bäuerliche Verhältnis, wie es aus dem Mittelalter überkommen war, zu „reformieren" gesucht; über die ärgste Auspressung und Misshandlung der Bauern war er mit den Junkern ganz einig, nur dass er seinen Anteil an dem Blute und Schweiße haben wollte, der den ausgepowerten Massen – und die bäuerliche Klasse bildete damals die Masse der Bevölkerung – ausgepresst wurde.

Seine Finanzverwaltung, wie er sie namentlich nach dem Siebenjährigen Kriege einrichtete, war eine Ausbeutungsmaschine der raffiniertesten Art, jedoch in ihrer Methode schon für seine Zeit völlig überlebt. Die Blutsteuern, die er in erster Reihe wieder von den Bauern erhob, steigerte er auf ein unerträgliches und bis dahin unerhörtes Maß. „Kulturaufgaben" waren für seinen großen Geist überhaupt keine Begriffe. Die Schulen ließ er gänzlich verfallen. Die Geistesknechtschaft feierte nirgends solche Orgien wie unter dem Szepter dieses weisen Herrschers. Seine Zensur war ein würdiger Vorläufer des Sozialistengesetzes.

Auf dem Gebiet der auswärtigen Politik stand es nicht besser um ihn. Nichts törichter, als ihm irgend so etwas wie „nationale Gesinnung" nachzurühmen. Wer ihn daraufhin angesprochen hätte, hätte nicht einmal die Gefahr gelaufen, von ihm auf die Festung geschickt, sondern höchstens die Gefahr, von ihm ins Irrenhaus gesteckt zu werden. Friedrich war mit tausend Freuden bereit, seine rheinischen Besitzungen den Franzosen und seine Provinz Ostpreußen den Russen zu opfern, wenn er dafür das Kurfürstentum Sachsen hätte in seine Tasche stecken können. Es ist auch völlig verkehrt, seine Erhebung gegen Österreich als eine nationale Tat zu bewundern. Ihm war es nur um ein Stück Land zu tun, das er, gestützt nicht auf die Kraft und den Willen der Nation, sondern auf auswärtige Mächte, die Deutschland in gänzlicher Ohnmacht zu erhalten trachteten, dem Hause Habsburg rauben konnte. Auch die preußischen Historiker, soweit sie noch einen Funken von Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit besitzen, bestreiten heute nicht mehr, dass Friedrich ohne die französische Hilfe niemals an die Eroberung Schlesiens hätte denken können.

Friedrich wusste sehr gut, dass ihm die französische Hilfe nicht um seiner schönen Augen willen gewährt wurde, dass Frankreich, indem es ihn unterstützte, nur an der Entzweiung und Zerfleischung Deutschlands arbeitete. Das hinderte ihn aber nicht im Geringsten, sich in die Vasallenschaft Frankreichs zu begeben. Dabei hatte er freilich mehr als ein Vorbild unter seinen erlauchten Vorfahren; am Berliner Hofe hatten die französischen Dukaten allemal einen guten Klang, auch wenn sie nur um den Verrat an Deutschland zu haben waren. Aber immerhin – so weit wie Friedrich hatte doch noch kein Hohenzoller den Mangel an nationaler Ehre und Scham getrieben.

Er durfte den Lohn des Verrats einstreichen, allein der Fluch des Verräters ist ihm doch an den Versen hängengeblieben. Sein Versuch, die französische Lehnsherrschaft abzuschütteln, deren Anforderungen ihm allzu beschwerlich geworden waren, führte ihn in die englische Vasallenschaft, die ihn im Siebenjährigen Kriege benutzte, um Amerika in Deutschland zu erobern, ihn aber, als sie ihn nicht mehr brauchte, wie eine ausgepresste Zitrone beiseite warf, so dass er sich endlich in den russischen Knechtsdienst begeben musste, um sich zu retten. Auch die Schmach der russischen Fremdherrschaft in Deutschland ist ein Erbe des Königs Friedrich. Er endete seine Laufbahn, indem er, innerlich knirschend, aber äußerlich kuschend, vor der Zarin Katharina demütig im Staube lag und ihr das polnische wie das türkische Wild ins Garn treiben half. In ihren Türkenkriegen unterstützte er sie mit Hilfsgeldern; bei der ersten Teilung Polens musste er den größten Teil der Schande auf sich nehmen und sich mit dem kleinsten Knochen begnügen.

Das entscheidende und unwiderrufliche Urteil über den König Friedrich und sein Werk hat die Schlacht bei Jena gesprochen. Um den Helden zu retten, hat man zwar gesagt, nicht er sei bei Jena geschlagen worden, sondern seine unfähigen Nachfolger. Allein so unfähig diese Nachfolger unzweifelhaft waren, so ist es doch eine ganz unsinnige Vorstellung, dass sie in zwanzig Jahren ruiniert haben sollen, was Friedrich in mehr als vierzig Jahren angeblich aufgebaut haben soll. Sie haben sein Werk im Wesentlichen so erhalten, wie er es geschaffen hatte, es eher noch in manchem Betracht verbessert als verschlechtert. Freilich mag dieser vorsintflutliche Kastenstaat im Jahre 1806 verrotteter erschienen sein als im Jahre 1786, aber eben nur im Lichte einer vorgeschrittenen Zeit; im Wesen der Sache war er ganz derselbe, und die damaligen Reformer, die Stein und Arndt, waren von einem ganz richtigen Instinkt geleitet, wenn sie den undeutschen König verwünschten, dessen Größe Deutschland zum Verderben und dessen Gedächtnis Deutschland zum Fluche geworden sei.

Wie nun aber erklären, dass der Name dieses Königs bei alledem immer einen gewissen populären Klang behalten hat, dass Friedrich einen Mann wie Carlyle zum Biographen, einen Künstler wie Menzel zum Maler seines Lebens und seiner Taten gewinnen konnte, dass die radikalen Junghegelianer für ihn schwärmten, dass selbst Lassalle noch im Jahre 1858 ihn neben Lessing als ebenbürtigen Befreier stellte? Will man die Antwort auf diese Frage in banal-populärer Form geben, so müsste man sagen, dass der Einäugige unter den Blinden König ist. Unter dem verkommenen Fürstengesindel seiner Zeit war Friedrich in seiner Art ein ganzer Kerl, und ebenso ragte er über seine Vorgänger und Nachfolger in der Geschichte der Hohenzollern empor. Er trieb sein schlechtes Handwerk wenigstens mit einem Eifer und Ernst, der den zeitgenössischen Sultanen vollkommen fremd geworden war; das Glück machte ihn nicht übermütig, und das Unglück trug er mit einer Sündhaftigkeit, die gewiss respektabel war: mit dem Gift in der Tasche, entschlossen, sich lieber selbst aus der Welt zu expedieren, als dem etwas zu vergeben, was er für seine königliche Würde hielt. Die blödsinnige Verschwendung der damaligen fürstlichen Höfe hielt er sich vom Leibe, und namentlich auch den leeren Tand des Größenwahnsinns, der die alberne Neugier des gedankenlosen Philisters für bare Münze nimmt, für eine aufrichtige Huldigung an die Monarchie oder gar für eine bewundernde Anhänglichkeit an die Person des Monarchen. Friedrich schätzte die patriotischen Spektakelmacher ganz richtig als „Canaille" ein. Und als bei seinem letzten Besuch in Breslau der Philosoph Garve dem widersprach mit der Bemerkung: „Als Ew. Majestät gestern in die Stadt kamen und alles Volk zusammenlief, um seinen großen König zu sehen, das war nicht Canaille", da antwortete der König, viel philosophischer als der patentierte Philosoph: „Setze Er einen alten Affen aufs Pferd und lasse Er ihn durch die Straßen reiten, so wird das Volk ebenso zusammenlaufen." Wie weit war Friedrich damit seiner Zeit voraus und nun gar der unserigen!

So wenig er im historischen Sinne ein aufgeklärter Despot gewesen ist, so sehr war er es in persönlichem Sinne. Ein Typus der drückendsten Geistesknechtschaft, verschmähte er doch der „Heuchelei dürftige Maske" insofern, als er sie nie mit frommen Redensarten auszuschmücken versuchte. Ihn als Geburtshelfer unserer klassischen Literatur und Philosophie zu feiern, gehört zu den abgeschmacktesten Legenden, von denen sich die bürgerliche Literaturgeschichte nährt, aber ein Aufklärer im Sinne des von ihm bewunderten Voltaire, ein Anhänger der Aufklärung, von der Schneider und Schuster nichts wissen dürfen, ist Friedrich allerdings gewesen, und daraus hat er in seinen Briefen und Schriften nie das geringste Hehl gemacht. Er gebrauchte die Religion als despotisches Machtmittel; er hat die Jesuiten geduldet, als der Papst Ganganelli den Jesuitenorden aufhob, und ebenso die lutherische Orthodoxie vor allen aufklärerischen Attentaten geschützt, so dass selbst sein lammfrommer Bewunderer Gleim sich zu dem Spott aufschwang: Er ließ uns alle Freiheit, selbst die Freiheit, dumm zu sein. Allein für seine Person war ihm alle Religion höchst widerwärtig, und er missbrauchte sie auch nicht, um seine Politik zu beschönigen; er hat seinen Raub am Hause Habsburg nie als eine „Wendung durch Gottes Fügung" gefeiert. Aus den Produkten seiner Feder lässt sich ein ganzes Arsenal von boshaften und auch geistreichen Spöttereien über die Religion und religiöse Gegenstände zusammenstellen.

Wie wenig Friedrichs bornierter Despotismus dadurch entschuldigt wurde, hat schon Lessing erkannt in seiner bekannten Äußerung über das „sklavischste Land in Europa", das der preußische Staat sei und bleibe, trotz aller „Sottisen gegen die Religion", die in Berlin auf den Markt gebracht würden. Zum Glück für Friedrichs Nachruhm aber legte sich sein Nachfolger, nach alter Überlieferung der Hohenzollern, wieder auf die frömmelnde Seite, trotz des sardanapalischen Lebenswandels, den er führte, und er krönte diese nichtswürdige Heuchelei, indem er behauptete oder durch seine Kreaturen behaupten ließ, dass sein Vorgänger den Hauptgrund zur Freidenkerei gelegt habe. So kam Friedrich in den ganz unverdienten Ruf, ein lichtbringender Genius gewesen zu sein. In den Tagen nach Jena wurde sein historisches Wesen dann von den preußischen Reformern wieder richtig erkannt, allein als sich nach den Siegen über Napoleon die Heilige Allianz1 konstituierte, die den frechsten Despotismus in frömmelnde Tracht kleidete, wurde Friedrich zum zweiten Male ein Held der Aufklärung, zumal da Preußen in der Heiligen Allianz die erbärmlichste und unwürdigste Rolle spielte und die preußischen Machthaber der zwanziger und dreißiger Jahre alles taten, was in ihrer Macht stand, um das Andenken des ketzerischen Königs zu verdunkeln.

Bekannt sind Heines zornige Worte aus dem Jahre 1832 „gegen dieses Preußen, diesen langen frömmelnden Gamaschenhelden mit dem weiten Magen und dem großen Maul und mit dem Korporalstock, den er erst in Weihwasser taucht, ehe er damit zuschlägt, dieses christlich-philosophische Soldatentum, dieses Gemengsel von Weißbier, Lüge und Sand, dieses steife, heuchlerische, scheinheilige Preußen, diesen Tartüffe unter den Staaten". So konnte Heine nur im Ausland schreiben, und es ist gewissermaßen die andere Seite der Medaille, wenn sieben Jahre später der radikale Junghegelianer Koppen, unter dem Drucke der Zensur, diesem Preußen aus den Schriften des Königs Friedrich, der seinen Korporalstock wenigstens nie in Weihwasser getaucht hatte, einen Spiegel entgegenhielt, worin es seine ganze Schlechtigkeit erkennen und daran verrecken sollte, was es denn freilich nicht getan hat.

Heute wissen wir allzu gut, dass der leibhaftige Kampf mit leibhaftigen Gegnern nicht dadurch gefördert werden kann, dass wir Gespenster aus den Gräbern beschwören, zumal Gespenster vom Schlage des Philosophen von Sanssouci, der dem Junkertum nicht minder hold und gewärtig gewesen ist als heute der Philosoph von Hohenfinow. Auf dem Despotismus des alten Fritz lastet noch immer der Fluch der Nation, und zwar um so wuchtiger, je verhängnisvoller seine Nachwirkungen sind. Den zweihundertsten Geburtstag des Königs als nationalen Festtag zu feiern, wäre ein Spott auf alle nationale Gesinnung.

Eher könnte er sich als dynastischer Festtag sehen lassen. Denn in der langen Reihe von Hohenzollern, die vor und nach ihm gelebt haben und gestorben sind, zeichnete sich der König Friedrich durch einige menschliche Eigenschaften aus, zumal durch die Verachtung jener „Canaille", die in diesen Tagen am lautesten lärmen wird.

1 Gemeint ist das am 26. September 1815 auf Anregung Alexanders I. von den Monarchen Russlands, Preußens und Österreichs unterzeichnete Bündnis zur Niederwerfung aller revolutionären und nationalen Bestrebungen in Europa, das die Restaurationsepoche einleitete. So genannt nach dem Manifest, das sich in schwülstiger Frömmelei erging.

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